{"id":508,"date":"2009-01-19T12:14:04","date_gmt":"2009-01-19T12:14:04","guid":{"rendered":"http:\/\/missbieh.wordpress.com\/?p=45"},"modified":"2026-02-15T19:41:36","modified_gmt":"2026-02-15T19:41:36","slug":"tibetkonflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ninabuschmann.com\/de\/tibetkonflikt\/","title":{"rendered":"Gefangen in Tibet &#8211; Als Touristin im Tibetkonflikt im M\u00e4rz 2008"},"content":{"rendered":"<section  class='av_textblock_section av-av_textblock-2de302bf1aa3cf4c9157dbe6f50ac7eb '   itemscope=\"itemscope\" itemtype=\"https:\/\/schema.org\/BlogPosting\" itemprop=\"blogPost\" ><div class='avia_textblock'  itemprop=\"text\" ><h2>Tibetkonflikt<\/h2>\n<p>Nichts, aber auch wirklich gar nichts, hatte mich darauf vorbereitet, wie mein Trip nach Tibet verlaufen w\u00fcrde. Dieses mystische Land zu bereisen, ist f\u00fcr mich schon lange ein gro\u00dfer Traum gewesen, und obwohl ich keine klare Vorstellung davon habe, was mich auf dem Dach der Welt erwartet, bin ich neugierig und vor allem sicher, nicht entt\u00e4uscht zu werden.<\/p>\n<h2>Einreise<\/h2>\n<p>Die wilde und zum Teil noch unber\u00fchrte Natur, die majest\u00e4tischen Berge und eine alte sagenumwobene Kultur, sind Grund genug, dass ich die M\u00fchen auf mich nehme, mich in Xi\u2019an, sowohl um die Verl\u00e4ngerung meines einmonatigen Chinavisums, als auch um die Einreisegenehmigung nach Tibet zu bem\u00fchen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-374 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/img_1245-300x225.jpg\" alt=\"Zug nach Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/img_1245-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/img_1245.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/img_1245-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-375 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3154290-300x225.jpg\" alt=\"Tibetisches Dorf\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3154290-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3154290.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3154290-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Leider gibt es in Tibet nicht die M\u00f6glichkeit sein Touristenvisum zu verl\u00e4ngern, obwohl es ein Teil der Volksrepublik ist. In China selbst bekommt man meist keine Verl\u00e4ngerung, wenn man wahrheitsgem\u00e4\u00df angibt, nach Tibet reisen zu wollen. Es empfiehlt sich also, seine Angaben entsprechend \u201eanzupassen\u201c.<\/p>\n<p>Offiziell ist es nicht gestattet, auf eigene Faust durch die autonome Region zu reisen, sondern man muss Teil einer Reisegruppe sein, die allerdings meist nur auf dem Papier besteht \u2013 was die Einreisegenehmigung zu einer reinen Geldschneiderei macht.<\/p>\n<h2>Qinghai-Tibet Zugverbindung<\/h2>\n<p>Mit allen erforderlichen Stempeln und Dokumenten gewappnet, setze ich mich am 14. M\u00e4rz, 2008 in Xi\u2019an in den Qinghai-Tibet Zug mit dem Ziel, 36 Stunden sp\u00e4ter in Lhasa anzukommen. Diese Verbindung existiert erst seit Juli 2006 und sie gilt als eine der technisch fortschrittlichsten und zugleich umweltumstrittensten. Ein Gro\u00dfteil der Strecke liegt \u00fcber 4000m und etliche hundert Kilometer davon f\u00fchren durch Permafrostgebiet. Eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr die Zehntausenden von chinesischen Arbeitern lag darin, beim Verlegen der Gleise daf\u00fcr zu sorgen, dass die Schienen im Sommer, wenn der angetaute Boden zu Schlamm wird, nicht darin versinken. Einige Streckenabschnitte werden deswegen sogar k\u00fcnstlich gek\u00fchlt. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Teil der Strecke in den Kunlun Bergen durch Erdbeben gef\u00e4hrdetes Gebiet verl\u00e4uft, und teure Fr\u00fchwarnsensoren eingebaut wurden, deren wahrer Nutzwert allerdings umstritten ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-376 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194579-300x225.jpg\" alt=\"gefrorener Fluss in Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194579-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194579.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194579-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-377 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204618-300x129.jpg\" alt=\"Gr\u00e4ber in Tibet\" width=\"300\" height=\"129\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204618-300x129.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204618-495x213.jpg 495w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204618-450x193.jpg 450w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204618.jpg 497w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Tibeter ist nicht gl\u00fccklich \u00fcber diese neue Zugverbindung, da sie bef\u00fcrchten, dass nun noch mehr Han-Chinesen -angelockt durch Pr\u00e4mien vom Staat &#8211; umgesiedelt werden, und Tibet somit weiterhin seiner Bodensch\u00e4tze, wie z.B. \u00d6l und Erze von Seiten Chinas beraubt wird. Da haupts\u00e4chlich Chinesen und Touristen mit dem neuen Zug unterwegs sind, bef\u00fcrchten die Tibeter, dass die politische Kontrolle \u00fcber ihr Land weiter ausgedehnt wird. Das bedeutet unter anderem auch, dass mehr Milit\u00e4r stationiert wird, und die Umwelt deutlich st\u00e4rker verschmutzt wird, was gerade in so einem labilen \u00d6kosystem verheerende Folgen h\u00e4tte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-378 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194588-300x225.jpg\" alt=\"Gefrorener Fluss Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194588-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194588.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194588-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-379 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194582-300x225.jpg\" alt=\"Versandung\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194582-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194582.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194582-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Mir selbst macht die H\u00f6he zum Gl\u00fcck nichts aus, und ich genie\u00dfe die Fahrt und das 3D Naturkino vor dem Fenster immens. Die Landschaft ist einmalig: Berge, zum Teil schneebedeckt, rei\u00dfende oder zugefrorene Fl\u00fcsse, umherstreifende Nomaden mit ihren Yakherden, wilde Antilopen und Gazellen, Seen, die in allen erdenkbaren Blaut\u00f6nen schimmern, winzige Siedlungen aus flachen mit Stroh bedeckten H\u00e4usern, bunte, im Wind flatternde Gebetsfahnen an Br\u00fccken und Bergp\u00e4ssen, mal Sandw\u00fcste, mal Winterlandschaft. Auf den knapp 3000km, die ich im Zug sitze, gibt es einiges zu sehen und meine Vorfreude auf die kommenden vier Wochen, die ich in dem autonomen Gebiet verbringen will, w\u00e4chst.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-380 size-medium\" title=\"Schlechtwetterfront\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194575-300x225.jpg\" alt=\"Schlechtwetterfront in Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194575-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194575.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194575-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-381 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194534-300x225.jpg\" alt=\"Ausdehnung der W\u00fcste\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194534-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194534.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194534-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Um mich herum wird es immer ruhiger, die meisten Passagiere haben sich etwas blass um die Nase, hingelegt und atmen flach &#8211; sie wissen nicht, welch einmalige Aussicht ihnen entgeht. Die sehr d\u00fcnne H\u00f6henluft macht vielen Reisenden zu schaffen, weswegen der Zug mit zus\u00e4tzlichen Sauerstoffger\u00e4ten ausgestattet wurde, auf die man bei Bedarf zur\u00fcckgreifen kann.<\/p>\n<h2>Reisebekanntschaft<\/h2>\n<p>Das Viererabteil teile ich mir mit einem amerikanischen P\u00e4rchen, das etwa so alt ist wie ich. Tauru und Christi sind bereits seit knapp einem Jahr in China unterwegs und verf\u00fcgen \u00fcber ein unendliches Reservoir an Reisegeschichten. Mit vielem kann ich mich nach nur einem Monat in China schon gut identifizieren. \u00c4hnlich wie ich, haben sie einen Zug verpasst, da sie es nicht geschafft haben, in dem abartigen Gew\u00fchl und Chaos vor den Fahrkartenschaltern an ein Ticket zu kommen. Das Faszinierende an den beiden sind nicht nur ihre Abenteuer, sondern vor allem die Tatsache, dass sie fast v\u00f6llig blind sind. Tauru kann lediglich mit h\u00f6chster Konzentration punktgenau sehen, und seine Freundin Christi, daf\u00fcr Umrisse und Farbt\u00f6ne erkennen. Gemeinsam schaffen sie es, sich ohne Hilfsmittel fortzubewegen, und auf ihre ganz eigene Art alles um sie herum wahrzunehmen und \u201ezu sehen\u201c. Tauru ist noch dazu 100 % nachtblind und sp\u00e4testens ab der D\u00e4mmerung auf die helfende Hand seiner Freundin angewiesen, die ihn meist sicher leiten kann. Wie die zwei allerdings einen achtmonatigen Roadtrip durch die USA im eigenen VW Bus machen konnten und dabei \u00fcber 20,000 km unfallfrei zur\u00fccklegten, ist mir absolut schleierhaft.<\/p>\n<p>Die Zeit vergeht in dieser netten und interessanten Gesellschaft sehr schnell, und so ist es auch gar kein Problem, dass unsere Ipods in der H\u00f6he ihre Dienste verweigern. Dieses kleine technische Ger\u00e4t ist und war auf all meinen Reisen ein st\u00e4ndiger und treuer Begleiter, es gibt nichts Sch\u00f6neres als sich bei Heimweh nach Bayern ein wenig Polt und Bierm\u00f6sl Blosn zu g\u00f6nnen oder zum Einschlafen in voll bepackten Z\u00fcgen \u201eDie drei Fragezeichen\u201c anzuh\u00f6ren. Erst ein einziges Mal in Sibirien verweigerte der Player mir bei minus 25 Grad den Dienst.<\/p>\n<h2>Lhasa &#8211; im Ausnahmezustand<\/h2>\n<p>Unsere Ankunft in Lhasa am fr\u00fchen Abend des darauffolgenden Tages verl\u00e4uft zun\u00e4chst unspektakul\u00e4r. Mir f\u00e4llt jedoch auf, dass kaum Zivilpersonen am Bahnhof sind &#8211; \u00a0au\u00dfer den Menschen, die gerade aus dem Zug steigen, kann ich nur Milit\u00e4r entdecken. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das hier m\u00f6glicherweise aus Sicherheitsgr\u00fcnden und aus Angst vor Anschl\u00e4gen immer so ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-382 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194366-300x225.jpg\" alt=\"Lhasa Bahnhof\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194366-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194366.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194366-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die Soldaten, die mit ihren Helmen und Schutzschilden nicht gerade vertrauenserweckend aussehen, schleusen uns in einer Reihe zum Ausgang. Au\u00dfer den beiden Amerikanern und mir, sind noch zehn weitere westlich aussehende Menschen aus dem Zug gestiegen, und wir werden alle in einer Ecke kurz vor dem Portal zusammengetrieben. Eine Dame in Uniform schreitet auf uns zu und verlangt, unsere Permits zu sehen. Insgeheim freue ich mich, da ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, mir gar keins zu besorgen, und es darauf ankommen zu lassen. Als ich aber sehe, wie ein Tourist, der wohl \u00e4hnlich gepokert hatte, beim Nichtvorweisenk\u00f6nnen der speziellen Genehmigung, ohne Widerrede zum noch wartenden Zug begleitet wird, bin ich doch froh, diesmal nicht die Extrainvestition gescheut zu haben und allzu sehr auf mein Gl\u00fcck vertraut zu haben.<\/p>\n<p>Tauru, Christi und ich verlassen gemeinsam den Bahnhof, und ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass dort ein gewisser John mit einem Schild mit meinem Vornamen darauf, auf mich warten w\u00fcrde. Teil der Auflage um das Permit in Xi\u2019an zu erhalten, war im Vorfeld ein staatliches Hotel f\u00fcr die erste Nacht zu buchen und im Voraus zu bezahlen. Eigentlich war ich damit zun\u00e4chst nicht einverstanden, denn dieses spezielle Hotel kostet ca. f\u00fcnf Mal so viel, wie ich sonst f\u00fcr eine \u00dcbernachtung in China ausgeben w\u00fcrde, aber es hie\u00df, ich h\u00e4tte keine andere Wahl &#8211; Bedingung des Staates. Wenn ich mich \u00fcber das staatliche Hotel bei meiner Ankunft polizeilich registrieren lasse, dann k\u00f6nne ich mich die folgenden N\u00e4chte frei entscheiden, wo ich schlafen m\u00f6chte. Meine neuen Reisebegleiter hatten ihr Permit \u00fcber das gleiche Hostel in Xi\u2019an organisiert und daher auch das Hotel von John gebucht. Wir waren also alle da, nur leider fehlte einer \u2013 John. W\u00e4hrend wir ein paar Schritte auf und ab gehen und uns nach dem Unbekannten umsehen, von dem wir noch nicht einmal wissen, ob er westlich oder asiatisch aussieht, kommen wir mit Hana ins Gespr\u00e4ch, einer quirligen und cleveren Japanerin, die als Chinesin verkleidet am Bahnhof steht und so den Kontrollen entgangen ist. Auch sie hatte sich gegen den Kauf dieses Tibetpermits entschieden und ist \u201eals Einheimische\u201c ohne Probleme durchgekommen. Wir laden sie ein, mit uns ins Hotel von John zu kommen und machen uns auf die Suche nach einem Bus oder Taxi. F\u00fcr Hana alles gar kein Problem, da sie flie\u00dfend Chinesisch spricht, was sich noch als wahrer Segen f\u00fcr uns alle rausstellen sollte.<\/p>\n<p>Das Merkw\u00fcrdige, was uns jetzt erst auff\u00e4llt, ist, dass es bis auf ein paar vereinzelte Taxis, die alle schon besetzt sind, gar keine Transportmittel am Bahnhof gibt. Ehe wir das weiter hinterfragen k\u00f6nnen, kommt eine offiziell aussehende Dame auf uns zu, die zwar kein Englisch, daf\u00fcr aber flie\u00dfend Deutsch spricht. Sie erkl\u00e4rt uns, bzw. mir als einziger Deutschsprechenden, dass Lhasa brenne, in einem Ausnahmezustand sei und dass niemand in die Stadt rein oder raus k\u00e4me. Das ist also auch der Grund f\u00fcr das Fernbleiben von John, der es wenigstens noch aus der Stadt raus geschafft hat, aber allerdings gleich aus Tibet geflohen ist, wie sich sp\u00e4ter herausstellt, als wir versuchen unser bereits gezahltes Geld f\u00fcr sein Hotel zur\u00fcckzubekommen.<\/p>\n<p>Der <strong>Tibetkonflikt<\/strong> war nach vielen Jahren der unterschwelligen Ruhe wieder aufgeflammt.<\/p>\n<h2>Unsere Unterkunft<\/h2>\n<p>Die Dame vom staatlichen Touristenb\u00fcro bringt uns zu einem Bus, der uns kostenlos zu einem, f\u00fcr uns Touristen, sicheren Hotel, au\u00dferhalb des Stadtzentrums bringen soll. Bereits auf dem Weg dorthin, kommen wir an unz\u00e4hligen Polizeikontrollen und Milit\u00e4r vorbei. Manchmal lassen sie uns ohne Verz\u00f6gerung passieren, andere Male kommen bewaffnete Soldaten an Bord und verlangen von allen Fahrg\u00e4sten, die Ausweise zu sehen. Auf den Stra\u00dfen versammeln sich immer mehr M\u00e4nner in Tarnkleidung, mit Helmen und Schutzschilden und schwer bewaffnet. Wir sehen das alles nur im Vorbeifahren, verstehen nicht so recht, was eigentlich los ist und warum Lhasa \u00fcberhaupt in Flammen aufgegangen ist.<\/p>\n<p>Mit dem Bus bringt man uns vier zu einem riesigen Hotel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-383 size-medium\" title=\"Unser Hotel\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3184356-300x225.jpg\" alt=\"Hotel in Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3184356-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3184356.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3184356-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Der Fahrer begleitet uns in die Empfangshalle und wechselt mit dem Hotelbesitzer ein paar rasche Worte. Der Mann an der Rezeption nickt kurz und f\u00fchrt uns durch ein eisiges Treppenhaus in den 3. Stock zu unserem Zimmer. Es ist ger\u00e4umig, verf\u00fcgt \u00fcber vier Einzelbetten, zwei B\u00e4der, und einen Fernseher. Nur leider funktioniert die Heizung nicht, und dem Warmwasserhahn ist anscheinend nur zur Dekoration ein roter Punkt aufgemalt worden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-384 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164333-300x225.jpg\" alt=\"Hotelzimmer Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164333-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164333.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164333-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Wir sind inzwischen von der langen Reise, der H\u00f6he und den unerwarteten Ereignissen so m\u00fcde, dass wir nur noch umfallen wollen. Die Angestellten bringen uns noch einen extra Stapel Wolldecken und eine riesige Thermoskanne randvoll mit salzigem Yakbuttertee, dem Nationalgetr\u00e4nk, das bei uns auf eher geringere Begeisterung st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-385 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164337-225x300.jpg\" alt=\"Kanne voll salzigem Yakbuttertee\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164337-225x300.jpg 225w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164337.jpg 375w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-386\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164332-225x300.jpg\" alt=\"Asiatischer Reiseproviant\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164332-225x300.jpg 225w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164332.jpg 375w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Sehr fr\u00fch und vor allem sehr hungrig wachen wir am n\u00e4chsten Morgen auf, und wollen uns gleich auf die Suche nach einer leckeren Mahlzeit machen. Wir \u00f6ffnen die Zimmert\u00fcr und sind erstaunt, dass ein ponchoverh\u00fcllter Mann davor sitzt. Er spricht kein Wort Englisch, versucht uns aber unmissverst\u00e4ndlich klar zu machen, dass wir das Zimmer jetzt nicht verlassen k\u00f6nnen. Sichtlich irritiert, lassen wir Hana mit ihm sprechen, und wir erfahren, dass wir das Hotel erst verlassen d\u00fcrfen, wenn die Dame vom Touristenb\u00fcro zu uns kommt und das offizielle Okay hierf\u00fcr gibt. Er w\u00fcrde uns aber selbstverst\u00e4ndlich etwas zu Essen aufs Zimmer bringen, wenn wir doch so nett w\u00e4ren und wieder rein gingen. Es dauert nicht lange und man bringt uns eine weitere Kanne von dem scheu\u00dflichen Tee, den sie diesmal netterweise mit Zucker anstatt Salz bereitet haben, und der somit etwas genie\u00dfbarer wird. Zumindest heilt er durch seinen Fettanteil Hanas schmerzhaft aufgesprungene Lippen, mit denen sie sich seit Monaten in dem rauen Bergklima in Sichuan geplagt hatte.<\/p>\n<h2>Der K\u00fcmmermann<\/h2>\n<p>Der Hotelbesitzer pers\u00f6nlich kommt gleich darauf mit einem Tablett voll diverser warmer Speisen aus einem Restaurant. Er entschuldigt sich im Vorhinein 1000 Mal, falls es uns nicht schmecken sollte. Er leistet uns bei unserem Mahl, was \u00fcberaus lecker ist, Gesellschaft und mit Hilfe von Hanas Chinesischkenntnissen, erfahren wir, dass ihm alle Unannehmlichkeiten sehr leid t\u00e4ten, aber er h\u00e4tte jetzt pers\u00f6nlich von der Regierung die Verantwortung f\u00fcr uns \u00fcbertragen bekommen und er k\u00f6nne uns unm\u00f6glich auf die Stra\u00dfe lassen. Selbstverst\u00e4ndlich geschehe diese \u201eVerwahrungsma\u00dfnahme\u201c nur zu unserer eigenen Sicherheit, die dem chinesischen Staat ganz besonders am Herzen liege. Zu verbergen h\u00e4tte das Land nichts, im Gegenteil die Partei w\u00fcrde sich freuen, wenn wir in unseren Heimatl\u00e4ndern nur Gutes \u00fcber sie und unsere Behandlung hier berichten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In dem Hotel, von dem ich immer noch nicht wei\u00df, wie es eigentlich hei\u00dft, sind momentan keine weiteren G\u00e4ste untergebracht. \u00dcberhaupt sind wir vier die ersten westlichen Besucher bei ihm, daher sei er auch etwas nerv\u00f6s, da er nicht so recht wisse, was wir br\u00e4uchten, was wir gern essen, gesteht uns unser Gastgeber<\/p>\n<p>Die kommenden drei Tage tut dieser Mann alles f\u00fcr uns, und da ich seinen wahren Namen sowieso nie richtig aussprechen kann, taufe ich ihn den \u201eK\u00fcmmermann\u201c. Er beschafft uns weitere Wolldecken, versucht die Heizung in Gang zu bringen und schaut, ob nicht in einem der anderen Zimmer etwas w\u00e4rmeres Wasser aus dem Hahn kommt. Mitte M\u00e4rz ist es noch empfindlich kalt in Tibet, denn selbst die Hauptstadt Lhasa liegt auf knapp 3700m. Er verw\u00f6hnt uns als w\u00e4ren wir seine pers\u00f6nlichen G\u00e4ste und er verbringt viel Zeit mit uns &#8211; nur \u00fcber Politik zu reden, das lehnt er grunds\u00e4tzlich ab.<\/p>\n<h2>Zwangsaufenthalt<\/h2>\n<p>Bis zu diesem Zeitpunkt sind unsere einzigen Informationsquellen, \u201edie Dame vom Amt\u201c und CCTV, das chinesische Staatsfernsehen, das auf einem Kanal auf Englisch sendet. Zu unserer Verbl\u00fcffung und auch Entt\u00e4uschung, fallen die Nachrichten \u00fcber Tibet sehr sp\u00e4rlich aus, man kann zwar stundenlang sehen und h\u00f6ren, wer in den National People\u2019s Congress \u201egew\u00e4hlt\u201c worden ist, aber die Nachrichten \u00fcber Lhasa werden nur \u00e4u\u00dferst knapp zusammengefasst. Es hei\u00dft, dass ein paar radikale junge Tibeter, Han &#8211; Chinesen angegriffen haben, und ein paar Autos und Gesch\u00e4fte in Brand gesteckt haben, aber \u201edank des heroischen und selbstlosen Einsatzes des Milit\u00e4rs\u201c sei die Lage bereits wieder unter Kontrolle. Basierend auf diesen Nachrichten warten wir beinahe st\u00fcndlich auf die Ankunft der Dame und feilen weiter an unseren gemeinsamen Reisepl\u00e4nen. Es dauert jedoch drei Tage, bis sie endlich erscheint, drei Tage, die wir im Hotel verbringen m\u00fcssen mit nichts weiter zu tun, als im Gang auf und ab zu gehen und zur k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung, Treppen zu steigen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-389\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164338-225x300.jpg\" alt=\"langer Hotelgang\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164338-225x300.jpg 225w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164338.jpg 375w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<p>Aus dem Fenster auf die Stra\u00dfe k\u00f6nnen wir sehen, wie ununterbrochen ein Milit\u00e4rkonvoi nach dem anderen vorbeirollt, vorbei an Menschen, die ihr Hab und Gut auf Handkarren gezurrt haben und hoffen, sich in den Bergen in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-387 size-medium\" title=\"auf der Flucht\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164341-300x225.jpg\" alt=\"Tibeter auf der Flucht\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164341-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164341.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164341-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-388\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164349-300x225.jpg\" alt=\"Milit\u00e4rtransporter Tibet\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164349-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164349.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3164349-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die Szenen, die wir durchs Fenster beobachten, passen \u00fcberhaupt nicht zu den Nachrichten aus dem Fernsehen. In diesen drei Tagen k\u00f6nnen wir mit niemandem Kontakt aufnehmen, nicht einmal mit unseren Familien zu Hause. Internet gibt es im Hotel nicht, das Telefon funktioniert angeblich nicht mehr, und ein Handy besitzt keiner von uns. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was meine Eltern durchmachen, da ich ihnen noch am Tag meiner Abreise aus Xi\u2019an stolz von meinen Pl\u00e4nen berichtet hatte.<\/p>\n<p>Wie schon so oft auf meinen Reisen, habe ich auch diesmal wieder Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck, denn w\u00e4re ich nur einen Tag fr\u00fcher angekommen, w\u00e4re ich jetzt, ebenso wie viele andere Touristen, mitten im brennenden Lhasa eingeschlossen und h\u00e4tte hilflos zusehen m\u00fcssen, wie Menschen verfolgt werden und um ihr Leben rennen. Dank meiner Begleiter befinde ich mich in netter Gesellschaft, und wir haben durch Hana sogar eine Dolmetscherin an der Hand, auf die wir uns vollkommen verlassen k\u00f6nnen, da sie nicht einfach nur \u201egefilterte Inhalte\u201c wiedergibt. In so einer Situation vollkommen auf sich allein gestellt zu sein ohne \u00fcberhaupt kommunizieren zu k\u00f6nnen, stelle ich mir schrecklich vor.<\/p>\n<p>Auch mit dem tibetischen Hotelpersonal und dem \u201eK\u00fcmmermann\u201c haben wir richtig Gl\u00fcck gehabt, denn sie geben sich ehrlich M\u00fche, uns den unfreiwilligen Aufenthalt so angenehm wie m\u00f6glich zu machen. Die Umst\u00e4nde schwei\u00dfen uns alle, die wir in einer so verzwickten Situation zusammengew\u00fcrfelt wurden, zusammen. So schwierig und unbequem die Tage sind, m\u00f6chte ich sie auch nicht missen.<\/p>\n<h2>Wieder frei<\/h2>\n<p>Endlich klopft es an unserer Zimmert\u00fcr, und die Dame vom Amt steht dort und erkl\u00e4rt wieder auf deutsch, dass wir uns ab jetzt frei in Lhasa bewegen d\u00fcrfen, es aber keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr uns g\u00e4be, weiter durch Tibet zu reisen. Wir sollen doch bitte so schnell wie m\u00f6glich per Flugzeug oder Zug das Land verlassen. Die Nachricht trifft uns hart, da wir uns sicher waren, wie geplant weiter zu fahren. Zur\u00fcck nach China will keiner von uns. Wir schlucken unsere Entt\u00e4uschung herunter und freuen uns, \u00fcber unsere wiedergewonnene Freiheit. Wir gehen sofort los, um uns selbst ein Bild von der Lage in der Stadt zu machen und endlich ein Lebenszeichen nach Hause zu schicken. Bevor wir das Hotel verlassen, sch\u00e4rft man uns ein, unbedingt alle Kameras im Zimmer zu lassen und uns an das absolute Fotografierverbot zu halten.<\/p>\n<p>Das Bild, das sich uns in der Stadt bietet, kann ich kaum beschreiben. Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, wie wenige Leute aus der Bev\u00f6lkerung unterwegs sind, daf\u00fcr aber tausende von Soldaten, die jeden kontrollieren. Manche von ihnen k\u00f6nnen nicht viel \u00e4lter als zw\u00f6lf Jahre alt sein. In sch\u00e4bigen Uniformen, mit veralteten Gewehren und Waffen, steht ihnen die M\u00fcdigkeit und Ersch\u00f6pfung ins Gesicht geschrieben. Manche Abteilungen schlafen gemeinsam unter und neben ihren Milit\u00e4rtransportern, andere haben mobile Gark\u00fcchen am Stra\u00dfenrand aufgebaut und versorgen ihre Mannschaften. Es liegt ein ekelerregender, befremdlicher Geruch \u00fcber der Stadt, noch brennende Autos liegen auf den Stra\u00dfen, H\u00e4user sind von Ru\u00df geschw\u00e4rzt und ausgebrannt, die Gitter von den Gesch\u00e4ften abgerissen und demoliert. \u00dcberall liegen Kleider und auseinandergerissene Modepuppen in den Stra\u00dfen verteilt. Als ich das erste Mal \u00fcber den Styroporkopf einer solchen Puppe stolpere, bleibt mir fast das Herz stehen, bis ich erkannte, was es war. Die ersten Gesch\u00e4fts\u2013 und Hotelbesitzer sind vor Ort, um die Sch\u00e4den zu begutachten, und ich kann gar nicht bereifen, mit welch gefasster Miene, sie ihr Schicksal ertragen &#8211; fast jeder hier hat alles verloren.<\/p>\n<p>Wir gehen entsetzt und schweigend umher, biegen in eine Seitenstra\u00dfe ein, in der wohl haupts\u00e4chlich Metzgereien ihre St\u00e4nde hatten und m\u00fcssen gleich wieder kehrt machen, da f\u00fcr mich der Gestank und Anblick der verkohlten Tierkadaver nicht zum Aushalten ist. Ich habe M\u00fche, mich auf den Beinen zu halten, meine Knie werden weich wie Wackelpudding, keiner hatte uns auf das Ausma\u00df dieser Katastrophe vorbereitet.<\/p>\n<p>Wir treffen auf eine holl\u00e4ndische Touristin, die sich bei Ausbruch der Unruhen im Zentrum aufgehalten hatte. Sie hatte mit ihrem Hotel nicht solches Gl\u00fcck gehabt wie wir. Man lie\u00df sie sich die letzten Tage nur in einem fensterlosen Raum aufhalten, ebenfalls \u201ezu ihrer eigenen Sicherheit\u201c. Die Arme ist allein, und wusste die ganze Zeit nicht, was eigentlich los war, da auch sie die Sprache nicht beherrscht. Jetzt will sie nur zur\u00fcck nach Hause.<\/p>\n<p>Raus aus dem Zentrum gehen wir weiter zum Potala Palast, der Residenz des Dalai Lamas, bis er 1959 nach Indien ins Exil fl\u00fcchtete. Der Palast ist in diesen Tagen leider abgesperrt. Noch nie war es so leer auf den Stra\u00dfen drumherum, normalerweise wimmelt es hier von Touristen und auch Einheimischen, die den Palast umrunden und dabei die Gebetsm\u00fchlen bet\u00e4tigen. Heute sind wir fast die Einzigen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-390\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00093-300x166.jpg\" alt=\"Potala Palast in Tibet, Tibetkonflikt\" width=\"300\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00093-300x166.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00093-495x276.jpg 495w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00093-450x249.jpg 450w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00093.jpg 498w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-391\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00084-300x225.jpg\" alt=\"Gebetsm\u00fchlen um den Potala Palast herum\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00084-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00084.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/dsc00084-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Erst viele Stunden sp\u00e4ter kommen wir zu unserem Hotel zur\u00fcck, wir werden bereits sehns\u00fcchtig erwartet. Alle haben sich gro\u00dfe Sorgen um uns gemacht, und der \u201eK\u00fcmmermann\u201c war sogar losgezogen, um uns zu suchen. Dieses Heimkommen und Umsorgtwerden, tut so gut, denn wir sind alle nach den Eindr\u00fccken des Tages ziemlich durcheinander.<\/p>\n<h2>Hoffen auf die Weiterreise<\/h2>\n<p>Die darauffolgenden Tage verbringen wir damit, unsere Weiterreise zu organisieren. Erfreut, haben wir n\u00e4mlich bemerkt, dass die \u00f6ffentlichen Busse wieder den Betrieb aufgenommen haben. Wir laufen zum Bahnhof um uns Fahrkarten nach Shigatse zu besorgen. Nach langem Anstehen erhalten wir die ern\u00fcchternde Antwort, dass es ab sofort nicht mehr gestattet sei, an Ausl\u00e4nder Fahrkarten zu verkaufen. Wir lassen uns nicht entmutigen und versuchen sp\u00e4ter einfach Busse unterwegs anzuhalten, was normalerweise Gang und Gebe ist. Aber entweder verweigern uns die Fahrer, die \u00fcber die neuen Regelungen Bescheid wissen, die Mitnahme, oder wir schaffen es genau bis zur n\u00e4chsten Milit\u00e4rkontrolle und m\u00fcssen dort den Bus wieder verlassen. Als uns dann auch noch die ersten Panzer in Lhasa entgegenrollen, m\u00fcssen wir schweren Herzens einsehen, dass wir auf dieser Reise wohl nicht viel von Tibet sehen werden, und uns au\u00dfer R\u00fcckzug, keine M\u00f6glichkeiten bleiben. Meine drei Weggef\u00e4hrten schaffen es noch, sich ein Visum f\u00fcr Nepal und ein Auto von hier bis zur Grenze zu organisieren, da aber Nepal nicht mein Ziel ist, bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig, als zur\u00fcck zum Bahnhof von Lhasa zu fahren und mir eine Zugfahrkarte zur\u00fcck nach China zu kaufen.<\/p>\n<p>Allein die Fahrt zum Bahnhof mit dem Stadtbus, den wir nat\u00fcrlich schon benutzen d\u00fcrfen, ist Grund genug, uns in den Abreisegedanken zu best\u00e4rken. Auf einer Strecke von ca. f\u00fcnf Kilometern wird der Bus bestimmt sieben Mal von Polizei oder Milit\u00e4r angehalten. Die gleiche Prozedur von Ausweisvorzeigen wiederholt sich jedes Mal, aber nicht nur das. Alle Tibeter, die in traditionellen Kleidern und mit B\u00fcndeln beladen, unterwegs sind, m\u00fcssen aussteigen und sich dem\u00fctigende und \u00fcbertrieben genaue Durchsuchungen von Seiten der Beamten gefallen lassen. Meistens dauern diese so lange, dass der Bus nicht warten kann, und die Menschen einfach zur\u00fcckl\u00e4sst. Aus dem Fenster kann ich sehen, wie sie grob aufgefordert werden, auf die Milit\u00e4rtransporter zu steigen. Wo sie hingebracht werden und was sie an ihrem Ziel erwartet, kann oder will uns niemand verraten.<\/p>\n<h2>Abschied<\/h2>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ist f\u00fcr uns die Zeit des Abschieds gekommen. Meine Freunde werden fr\u00fch morgens von einem Jeep abgeholt und haben ca. 30 Stunden Fahrt zur nepalesischen Grenze vor sich. Der Abschied ist ein \u00e4u\u00dferst emotionaler Moment, da wir uns sehr nahe gekommen sind, und uns schwer tun, uns gegenseitig einfach dem Schicksal zu \u00fcberlassen. Andererseits sind wir auch alle froh, dem Ganzen endlich zu entkommen.<\/p>\n<p>In meinem Fall bringt mich der \u201eK\u00fcmmermann\u201c noch pers\u00f6nlich in seinem Wagen zum Bahnhof. Man winkt uns problemlos durch die Kontrollen durch, aber wir d\u00fcrfen uns mit dem Auto dem Bahnhofsgeb\u00e4ude nicht mehr als auf 500m n\u00e4hern. Auf Grund der Sprachbarrieren sprechen wir unterwegs nur wenig miteinander, aber es ist kein unangenehmes Schweigen, ganz im Gegenteil, wir sind auf eine ganz besondere Art miteinander verbunden. Zum Abschied h\u00e4ngt der \u201eK\u00fcmmermann\u201c mir noch einen wei\u00dfen seidenen Schal um den Hals, in Tibet ein Zeichen f\u00fcr Respekt und Wertsch\u00e4tzung. Vollkommen ger\u00fchrt, bahne ich mir einen Weg durch Tausende von Soldaten, die vor der Bahnhofshalle ihr Lager aufgeschlagen haben. Sie schauen mich \u00fcberrascht an, alle anderen Touristen haben Lhasa schon vor Tagen verlassen. Ich f\u00fchle mich durch meinen umgeh\u00e4ngten Schal beinahe unantastbar und lasse erst im Zug meinen Tr\u00e4nen freien Lauf, denn so hatte ich mir meine Reise aufs Dach der Welt wahrlich nicht vorgestellt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-392\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204679-300x225.jpg\" alt=\"tibetischer Zug\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204679-300x225.jpg 300w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204679.jpg 500w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3204679-450x338.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-393\" src=\"https:\/\/www.ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194469-225x300.jpg\" alt=\"Nina tr\u00e4gt wei\u00dfen Schal Tibet\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194469-225x300.jpg 225w, https:\/\/ninabuschmann.com\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/p3194469.jpg 375w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n<\/div><\/section>\n\n<style type=\"text\/css\" data-created_by=\"avia_inline_auto\" id=\"style-css-av-av_hr-0688d0b0b6ed2f8b057db7a8270206df\">\n#top .hr.hr-invisible.av-av_hr-0688d0b0b6ed2f8b057db7a8270206df{\nheight:50px;\n}\n<\/style>\n<div  class='hr av-av_hr-0688d0b0b6ed2f8b057db7a8270206df hr-invisible  avia-builder-el-1  el_after_av_textblock  avia-builder-el-last '><span class='hr-inner '><span class=\"hr-inner-style\"><\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fninabuschmann.com%2Fde%2Ftibetkonflikt%2F&subject=Gefangen%20in%20Tibet%20%E2%80%93%20Als%20Touristin%20im%20Tibetkonflikt%20im%20M%C3%A4rz%202008\" title=\"Per E-Mail versenden\" aria-label=\"Per E-Mail versenden\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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